Digital Detox – wie ich wieder zu mir selbst gefunden habe

21. August 2018

Ich kann mich nicht an den Tag erinnern, als der Entschluss fiel, mich von meinem ständigen Begleiter zu trennen. Der sonst so routinierte Griff in die Tasche, der prüfende Blick auf das Display und die fast schon monotonen Fingerbewegungen gegen das Glas waren auf einmal nicht mehr Teil meines Tagesablaufes. Die Distanz die ich zu der Onlinewelt – und vor allem Social Media – aufgebaut hatte war keine bewusste Entscheidung. Jedoch weiß ich jetzt, wie nötig dieser Digital Detox war und wie ich durch diesen Abstand wieder zu mir selbst finden konnte.

Diese regelmäßige Reizüberflutung, der ich mich tagtäglich ausgesetzt hatte, raubte mir nicht nur meine wertvolle Zeit (auch professionelle Prokrastination genannt) sondern lies mich meine Ziele aus den Augen verlieren. Gerade in der Social Media Welt ist ein Leichtes, sich in dem vorgespielten Glamour und Glitzer der unzähligen Accounts zu verlieren. Ein Leben scheint aufregender und beneidenswerter als das andere.  Die Onlinewelt täuscht mit den perfekt inszenierten Momenten von fremden Menschen und rüttelt dabei an unseren negativen Emotionen wie Neid, Missgunst, Selbstzweifel und Unzufriedenheit. Wir vergessen schnell, dass nicht alles Gold ist was glänzt und nähren durch die stundenlangen, digitalen Wanderungen dieses immer größer werdende Loch in uns selbst.

Schnell machte ich diese Scheinwelt zu meiner Existenz und verlor den wahren Wert von Social Media: sich in einer Community von Gleichgesinnten zu bewegen, Interessen und Meinungen auszutauschen, sich inspirieren zu lassen und Menschen kennen zu lernen, denen man sonst nie im Leben begegnet wäre. Und ich kann euch bestätigen, ich habe die wohl besten Menschen in meinem Leben über diese Plattformen kennen lernen dürfen. Ich möchte mich hier nicht über die Social Media Welt per se beschweren und sie hier schlecht reden, sondern darüber aufklären, wie wir uns von der virtuellen Welt und den Menschen darin negativ beeinflussen lassen, statt uns gegenseitig zu inspirieren, zu unterstützen und miteinander zu kommunizieren. Der Sinn sollte nicht darin sein, sich aufgrund von Social Media zu vergleichen um dann frustriert, deprimiert und verletzt das Handy beiseite zu legen. Nachdem gefühlt Stunden durch die Feeds gescrollt wird, fängt man an, die absurdesten Dinge an sich zu bemängeln.

Oft genug war ich verunsichert, denn mir wurde permanent von außen beigebracht, dass ich jeden Tag mit einer perfekt geplanten Morgenroutine in den Tag starten muss, bestehend aus Yoga, Acai-Bowls, Schönheitsbehandlungen, Journaling, Meditationen, Lesen und und und. Selbstverständlich müsste ich dafür ein Morgenmensch sein, der ohne Weiteres um 5 Uhr in der Früh aus dem Bett springt, rein in die Sportsachen und mit einem breiten Lachen und bester Laune durch die penibel aufgeräumte Wohnung stolziert. Hier stoßen wir bereits an die erste Hürde: Ich bin kein Morgenmensch. Meine 10 Minuten länger im Bett sind mir heilig. Das einzige was ich in der Früh zu mir nehme ist Koffein – und das von der starken Sorte. Mein Morgensport besteht darin, mich durch eine Lawine an Katzen durchzuschlagen die alle auf Essen und Streicheleinheiten plädieren. Journaling und Meditationen schaffe ich gerade noch so in meine „Morgenroutine“, jedoch nicht immer.

Somit hatte ich nun den direkten Vergleich zu dem Leben von so vielen Menschen auf Social Media und meinem eigenen. Oftmals gestresst und müde von meinem Tag nahm ich mein Handy, scrollte durch die Feeds von anderen. Stets sah ich diese breiten, glücklichen Gesichter die mir inszeniert ein Leben vors Gesicht hielten, das so ganz und gar nicht mit dem meinen übereinstimmte. Ich habe mir ein völlig falsches und manipulatives Bild wie ich sein, mich verhalten und mich fühlen müsste, aufzwingen lassen. Mein digitaler Warenkorb füllte sich immer wieder mit „Glück, Zufriedenheit, Vollkommenheit, Spaß“ und so weiter und sofort.

Nur leider kam ich nie bis zum Check-out. Ihr kennt sicherlich die zerschmetternde Nachricht „Dieser Artikel kann leider nicht nach XYZ geliefert werden“ – und genau das war hier der Fall. Meine Wunschbestellungen kamen nie an. Traurigerweise fiel es mir eine lange Zeit nicht auf, dass diese äußeren Meinungen und Einflüssen prägten. Jedesmal wenn ich mein Handy beiseite legte, fühlte ich mich schlechter und demotivierter als zuvor. Statt mich inspirieren und berieseln zu lassen, verschlechterte sich meine Laune und ich verlor mich in diesen negativen Emotionen.

 

Very little is needed to make a happy life;
it is all within yourself, in your way of thinking
(
Marcus Aurelius)

 

Der Weg zur eigenen Identität ist immer holprig und steil bis uns genau bewusst wird, wer wir sind und was unsere Ziele und Ideale sind. Ich wollte kein Teil dieser oberflächlichen Online Welt mehr sein. Gleichzeitig entstand dieser innere Konflikt zwischen den Dingen, die mich bis dato geprägt hatten und denen, für die mein Herz aufrichtig schlug. Ich nahm mir bewusst eine Auszeit von meinem Handy, meinem Computer, vielen Menschen in meinem Leben und konzentrierte mich darauf wieder meine innere Stimme zu hören. Ich wollte wieder zu mir selbst finden und um ehrlich zu sein, erforderte es einiges an Arbeit. Mir war stets bewusst, was ich NICHT wollte. Die Frage jedoch „was genau WILL ich?“ erwies sich als eine Hürde. Auch wenn ich mich am liebsten für einige Wochen auf Auslandsreise begeben hätte um diesen Wiederfindungstrip ganz klischeehaft zu gestalten, hatte ich immer noch eine Arbeitsstelle, der ich nicht den Rücken kehren konnte. Ganz zu schweigen von meinen Katzen.

6 Dinge die mir geholfen haben, zu mir selbst zu finden

Lesen: Ich war seit früher Kindheit immer schon eine richtige Leseratte. Während andere Kinder damals draußen gespielt, ihre freien Tage gemeinsam verbracht haben oder auf Reisen gingen, fanden meine Abenteuer in Büchern statt. Mit fortschreitendem Alter sowie neu gewonnen Verpflichtungen als Erwachsene war das Lesen leider das Erste, was ich vernachlässigte. Ich entschied mich, meine Leidenschaft wieder aufleben zu lassen und gönnte mir eine „Auslandreise“ durch alte Bücher, die ich als Kind so ungeduldig verschlungen hatte. Selbstverständlich sind bereits nach kurzer Zeit eine Menge neuer gebundener Schätze bei mir eingezogen.

Bullet Journal: Mein erstes Bullet Journal startete ich anfang 2017 als Experiment, welches ich nach kurzer Zeit dann nicht mehr fortführte. Da ich 2018 chaosbedingt einfach Stift zu Papier bringen musste, um all das Gedankenwirrwar zu entknoten, startete ich mit einem komplett neuen Bullet Journal. Persönlich dient mit mein Bullet Journal nicht nur als Terminplaner, sondern vielmehr als ein Sammelsurium an Aufgabenlisten, Erinnerungen, Terminen, Ideen und Projekten und noch einiges mehr. Es ist ein kleiner Alleskönner und für mich nicht mehr aus meinem Alltag wegzudenken.

Mehr Zeit mit den Tieren: Meine Tiere sind mir das wichtigste in meinem Leben. Sie geben einem so viel mehr, als wir oft bereit sind, es uns einzugestehen und uns bewusst ist.

Natur: Obwohl ich früher ein richtiges Stadtkind war und von Großstädten angezogen wurde, hat sich das mit der Zeit schlagartig geändert. In der Natur ist es mir möglich, den Kopf abzuschalten und mich auf den Moment zu konzentrieren. Alltagsstress und Hektik lasse ich dabei hinter mir. Es ist wohl nichts befreiender als einen tiefen und intensiven Atemzug in der Natur zu nehmen. Ich bin ebenfalls sehr glücklich mit meiner Entscheidung aus der Stadt weggezogen zu sein und nun außerhalb zu wohnen.

Self Care: Ehrlich gestanden hatte ich bei Self Care die größten Probleme. Anfangs fühlte ich mich regelrecht schuldig, wenn ich mir selbst die benötigte und verdiente Aufmerksamkeit schenkte. Ich find mich mehr mit dem Thema Spiritualität, Meditation, und Aufmerksamkeit zu beschäftigen und das in meinen Alltag einzubauen. Ein schuldfreies „Nein“ wurde genauso selbstverständlich wie die täglichen 15 Minuten, die ich mir zum Meditieren nahm.

Zeichnen: Ich nutze das Zeichnen als eine Art Selbsttherapie. Dabei wird nicht auf Perfektion, Genauigkeit und Fehlervermeidung geachtet. Solange ich wieder zeichnen darf und mit künstlicher betätigen kann, ist es wie Balsam für meine Seele. Lustige Information am Rande: Als Kind find ich mit Sailor Moon Zeichnungen an, das war sozusagen der Grundstein für meine „Künstlerkarriere“.

 

Durch die Auszeit die ich mir gegönnt hatte (und nehmen musste) konnte ich zu den Dingen und Wertvorstellungen finden, die mir persönlich wichtig waren und mit denen ich mich identifizierte. Das waren keine äußerlichen Eindrücke mehr, die mich in eine bestimmte Richtung drängen wollten. Es waren keine fremden Meinungen oder das Leben von anderen, die mich beeinflussten. Ironischerweise war ein Großteil der Dinge, die mich wirklich glücklich machten, diejenigen, denen ich als Kind und Jugendliche bereits meine Aufmerksamkeit schenkte. Das Lesen und Zeichnen, das mich durch meine verhasste Zeit in der Schule treu begleitet hatte. Ich bin bei meiner Oma am Bauernhof aufgewachsen und verbrachte dort viele glückliche Jahre. Am glücklichsten war ich zwischen all den Tieren und der Arbeit auf den Feldern und in der Natur.

Ich musste also nicht weit gehen, um wieder zu mir selbst zu finden – ich musste mich lediglich weit genug von allem anderen distanzieren und mir die Zeit für meine Bedürfnisse nehmen. Wir vernachlässigen uns so sehr, dass wir gar nicht mehr wissen, was unsere Persönlichkeit ausmacht und uns gut tut. Dieses Digital Detox nahm mir den ungesunden Drang, mich ständig beweisen und vergleichen zu müssen. Ich eifere anderen nicht mehr hinterher. Ich konzentriere mich nicht auf das Leben von anderen. Ich muss nicht immer präsent und überall dabei sein. Stattdessen gönne ich mir die Zeit die ich mit mir selbst verbringen kann. Und ich genieße sie.

Darüber hinaus, wie ist meine Beziehung zu Social Media jetzt und wie hat sie sich verändert? Ich müsste lügen, würde ich jetzt behaupten mich ließe alles kalt. Ein gewisser Grad an „Beeinflussung“ findet immer statt. Jedoch bin ich wesentlich selektiver und bewusster geworden, welchen Accounts ich folge, welche Inhalte und Blogs ich mir durchlese und welche Menschen ich als wahre Inspiration empfinde. Statt mich also dem Social Media ganz zu entziehen baue ich eine gesunde Beziehung dazu auf, indem ich zuerst eine gesunde Beziehung zu mir selbst aufbaue.

Ich lebe lieber ein Leben, das ich fotografiere möchte
statt eines zu fotografieren, das ich leben möchte

 

2 comments so far.

2 Antworten zu “Digital Detox – wie ich wieder zu mir selbst gefunden habe”

  1. S.Mirli sagt:

    In so vielen deiner Worte finde ich mich wieder. Schon seit einigen Monaten hadere ich mit dieser ganzen Social-Media-Scheinwelt. Ich glaube, entweder man findet einen Weg, damit umzugehen, sich bewusst zu machen, dass im Prinzip jede Bild hier fake ist und für sich die positiven Aspekte der Plattform herauszufiltern, wie Kontakte zu knüpfen, sich inspirieren zu lassen oder man sollte sich davon verabschieden. Zum Glück war ich nie ein neidvoller Mensch, Missgunst liegt mir völlig fremd, vielleicht bin ich auch einfach „alt“ genug bzw. „ich genug“, aber um all die sehr jungen User macht man sich da schon Gedanken. Wie wichtig social media freie Zeit ist, habe ich auch schon bemerkt und gönne mir das jeden zweiten tag und genau diesen Abstand dazu brauche ich aber auch. vielen Dank für den so tollen und zu Gedanken anregenden Post. Ich wünsche dir eine ganz fantastische neue Woche, alles alles Liebe, x S.Mirli
    http://www.mirlime.com

    • Mirli, du weißt gar nicht, wie viel mir deine Worte bedeuten und wie dankbar ich dir für den Kommentar bin. Je mehr ich mich bewusst von all dem Social Media Schein abgewandt habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass es allen anderen da draußen ebenso geht. Ich war also nicht alleine. Dass du mir nun ebenfalls dieses Kommentar gibst, nimmt mir mehr die Last von den Schultern und zeigt mir, wie sehr wir uns gegenseitig Halt bieten sollten, statt nur Neid und Missgunst zu schüren.
      Vielen lieben Dank <3 Hab noch eine wundervolle neue Woche <3

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