30.10.2017

#metoo - eine Erfahrung die mich prägte


"Gott, du bist so unglaublich schön", er haucht mir diese Worte mit seinem warmen, alkoholdurchtrunkenen Atmen an mein Ohr. Ich erschaudere und ein bis dato unbekanntes Unwohlsein überkommt meinen ganzen Körper.
Ich habe ihm nur für einen Augenblick den Rücken gekehrt um ihm meine Zeichnungen zu präsentieren, die er sich anschauen will. In diesem Moment wird mir klar, dass es nur eine lausige Ausrede ist, mit mir alleine zu sein. Seine vor Aufregung und Alkohol zitternden Hände umgreifen meine Oberarme, zuerst nur zaghaft, doch schon bald darauf wird sein Griff fester und fordernder. Seine Lippen öffnen sich ein weiteres Mal und der Gestank von Alkohol dringt erneut in meine Nase als er wiederholt: "...so schön...". Dieses widerwärtige Flüstern, sein vor Schweiß stinkender Körper den er aufgeregt an meinen drückt und sein Mund der nach meinen Lippen giert. Starr vor Angst und Ekel schaffe ich es nicht, meine Beine zu bewegen. Meine eigene Stimme die mich anbrüllt, wegzulaufen, vernehme ich nur weit entfernt in meinem Kopf wahr. Viel zu leise und viel zu dumpf. 


Ich war damals 13 und er hätte mein Vater sein können. Ich kann mich an diesen Abend so gut erinnern, als ob es erst gestern passiert wäre. Ich lag die ganze Nacht wach und fühlte mich miserabel, ekelte mich vor mich selbst und fühlte mich alleine mit all der Last, die sich wie ein schwarzer Schleier über mich legte. Die Scham vor mir selbst die mich noch unzählige Jahre danach verfolgte, machte sich in so vielen Lebenslagen bemerkbar: Ich distanzierte mich von jeglicher Art von Nähe, hielt Abstand zu anderen wo immer es nur ging, der Drang mir jedes mal das Gesicht runterzukratzen wenn ich ein Kompliment bekam und der Versuch, meinen Körper in weite und bedeckende Klamotten zu hüllen aus Angst, ungewollte Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Leider muss ich gestehen, dass dieser Vorfall nicht der letzte seiner Art war mit dem ich im Laufe meines Lebens kämpfen musste.

Einerseits erschrecken mich die detaillierten Bilder in meinem Kopf, auf der anderen Seite akzeptiere ich sie und lasse sie als Teil von meinem Leben zu. Ich kann es nicht ungeschehen machen, ich kann es auch nicht schön reden oder einfach als eine Lappalie abwinken. Es ist, was es ist. Es gehört zu meinem Leben und egal wie lange ich versucht habe, es in meiner Büchse der Pandora verschlossen zu halten, so denke ich, dass es an der Zeit ist, meine Geschichte mit anderen zu teilen. Ermutigt von meiner liebsten Freundin Kerstin von Missgetaway, die ebenfalls über ihren Schatten sprang und ihre Erfahrung mit anderen teilte, habe ich erkannt, dass ich nicht davor wegrennen darf.



#metoo - Durchbrechen wir die Stille

Auf Twitter ging der Hashtag #metoo binnen weniger Stunden so viral, dass die Anzahl der ans Tageslicht kommenden Vorfälle erschreckend war und dennoch ein essentieller Wachruf um unsere Augen zu öffnen und Stimmen zu erheben. All die Frauen, die viel zu lange schweigen mussten und die Last alleine trugen haben sich dazu entschieden, dass es endlich an der Zeit ist, das Schweigen zu durchbrechen und öffentlich zu zeigen "Ich war ein Opfer sexueller Gewalt aber ich habe eine Stimme und ich nutze sie!" Ich nutze meine Stimme für all jene, die es nicht können und möchte damit ganz klar sagen: "Ihr seid nicht alleine und ihr seid nicht Schuld an dem, was euch zugestossen ist." Selbst ich war zu Beginn nicht sicher, ob ich meine Geschichte teilen und im Internet veröffentlichen soll. Unsicherheit und Angst stellten mir ein Bein und ich fing an zu zweifeln, ob dieser Post jemals online gehen sollte.

Meine Geschichte soll kein Mitleid erwecken oder in irgendeiner Form Aufmerksamkeit, viel mehr will ich damit alle anderen ebenfalls dazu ermutigen, aufzustehen und die Stille zu durchbrechen. Eure Stimmen sollen so laut sein, dass sie jeder hören kann. Eure Stimmen sollen euch Kraft und Mut geben und vor allem sollen eure Stimmen endlich wieder euch gehören, und nicht von anderen unterdrückt werden - also nutzt sie. Es wird die Vergangenheit nie ändern können, aber es ist ein wichtiger Schritt weiter in Richtung Akzeptanz und Aktionen setzen - und als Gemeinschaft Aktionen zu setzen heißt auch als Gemeinschaft eine lautere Stimme hervorzubringen. Man hat es bei Twitter gesehen, wie schnell so eine Gemeinschaft wachsen kann und viele, viele Menschen dazu bewegt, ihrer Stimme Kraft zu verleihen.


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1 Kommentar

  1. Meine liebe Alina,

    es tut mir Leid, dass du diese Erfahrungen in deinem Leben machen musstest. Ich kann solche Menschen einfach nicht verstehen, die so etwas widerwärtiges tun und vor allem die Unschuld und Schüchternheit eines 13-Jährigen Kindes ausnutzen.

    Aber denk dran: Du hast gesprochen und nutze diese Erfahrung nun, um stärker zu werden. Ich bewundere dich. Auch ich habe eine Erfahrung in der Form in meiner Vergangenheit, aber darüber kann ich nicht wirklich sprechen. Noch nicht. Aber umso toller finde ich es, dass du mutig warst und es erzählt hast.

    Hab ein schönes Wochenende.

    Liebste Grüße
    Lisa
    http://www.mycafeaulait.at

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